Licht in der Fotografie ist der Anfang von allem. Bevor wir über Kameras, Objektive, Megapixel, High-ISO-Performance, Bokeh oder Dynamikumfang sprechen, müssen wir eines ehrlich anerkennen:
Ohne gutes Licht wird kein Bild wirklich gut. Das Motiv kann spannend sein, die Technik perfekt – doch wenn das Licht nicht passt, entsteht nur ein Abbild, nie ein Bild, das wirkt.
Dieser Artikel ist eine Mischung aus Erfahrung, Storytelling und praktischen Schritten. Er führt dich durch die Essenz dessen, was gutes Licht ausmacht, wie du es erkennst, planst und kontrollierst – und warum dein Fokus darauf dein fotografisches Niveau radikal verbessert.
Viele Fotografen beschäftigen sich zuerst mit Technik:
Diese Fragen sind nicht falsch – nur stehen sie häufig in der falschen Reihenfolge. Denn selbst das beste Objektiv nützt dir nichts, wenn die Szene im schlechten Licht ertrinkt.
Licht bestimmt einfach so vieles:
Gutes Licht ist nicht objektiv – es hängt vom Motiv, der Bildsprache und der Absicht ab. Dennoch gibt es typische Qualitäten, die fast immer positiv wirken.
| Eigenschaft | Bedeutung | Wirkung auf das Foto |
|---|---|---|
| Lichtrichtung | seitlich, flach, Gegenlicht | Tiefe, Plastizität, Form |
| Lichtqualität | weich oder hart | Weich = schmeichelnd, hart = charakterstark |
| Lichtmenge | ausreichend, nicht übertrieben | natürliche Zeichnung |
| Lichtfarbe | warm, neutral, kühl | Stimmung & Atmosphäre |
| Konstanz | stabil statt wechselnd | leichter zu belichten & bearbeiten |
Kinos haben etwas Magisches – aber nicht unbedingt für Fotografen. Bei einem Event in einem Kinosaal zeigte sich, wie dramatisch schlechtes Licht ein ganzes Shooting beeinflusst. Bei Eventfotografie ist Licht nie ideal – aber planbar.
Der Raum war riesig. Das Licht kam ausschließlich aus gedimmten Deckenstrahlern, die fast senkrecht nach unten leuchteten. Das führte zu:
Das typische „Deckenlichtproblem“. Kein Fotograf der Welt kann diese Lichtführung schön aussehen lassen.
Natürlich lief die Reportage trotzdem: Aufsteckblitz, etwas Aufhellung, improvisiertes Balancing. Aber die Ergebnisse waren begrenzt – technische Schadensbegrenzung statt fotografischer Gestaltung.
Dann kam der Schlüsselmoment:
Nach dem Event fragte ich den Speaker, ob wir ein einziges Portrait mit bewusst gesetztem Licht machen können.
Ein entfesselter Blitz. Eine Wabe. Ein klar definierter Lichtpunkt. Ein bewusster Hintergrund.
Und plötzlich war der Kinosaal nicht mehr ein Hindernis, sondern ein Stilmittel.
Ein einziges, bewusst geformtes Licht erzeugte ein Bild, das um Welten stärker war als alle anderen.
Ein Moment, den ich nie vergessen werde:
Ich packe gerade meine Kamera aus, da steht neben mir ein Fotograf mit schwerem Equipment. Wir nicken uns zu. Dann fragt er:
„Seit wann bist du hier?“
„Gerade angekommen.“
„Ich bin seit einer Woche hier.“
„Und? Schon viele Fotos gemacht?“
„Das hier ist mein erstes. Jetzt passt das Licht.“
Die meisten Menschen würden sieben Tage lang alles fotografieren. Dieser Mann wartete sieben Tage lang – auf das richtige Licht.
Das ist Hingabe. Das ist Verständnis. Das ist fotografische Prioritätensetzung in ihrer reinsten Form.
Das Death Valley ist bildgewaltig. Sanddünen, Formen, Strukturen, Linien. Jede dieser Formen schreit förmlich nach Fotografie. Aber mitten am Tag ist es fotografisch tot.
Mittagssonne bedeutet:
Ich war damals zur Mittagszeit dort, habe fotografiert, aber sofort gespürt:
Das ist nicht das, was dieses Motiv verdient.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker gegen 3:30 Uhr.
Ich stand im Dunkeln auf, lief durch die Wüste und kletterte auf eine Düne, lange bevor die Sonne aufging.
Und dann passierte es:
Die Fotos waren um Welten besser.
Keines der Mittagsfotos hat es jemals in eine Auswahl geschafft.
Portraits leben von Licht.
Es beeinflusst:
In meinem Studio kenne ich jede Tageslichtsituation:
Morgens: Das Licht kommt in der Küche durch das Milchglasfenster = weiches, füllendes Licht.
Perfekt für natürliche Portraits.
Mittags: Fast kein nutzbares Tageslicht, die Sonne steht ungünstig. Wenn jemand um 12 Uhr shooten will, sage ich:
„Das Licht ist da einfach schlecht, lass uns früher oder später fotografieren.“
Nachmittags: Direkter Lichteinfall + Jalousien = härter, grafischer, moderner Look.
Licht sehen ist kein Talent – es ist ein Training. Hier sind echte Übungen, die dich spürbar besser machen.
Setz dich an einen Ort, an dem Menschen vorbeikommen. Beobachte:
Suche ein Motiv (Person, Objekt, Pflanze, Architektur) und fotografiere es in:
Diese Übung zeigt dir drastisch, wie extrem Licht die Wirkung eines Motivs verändert.
Ein Gesicht kann weich, freundlich und harmonisch wirken – oder kantig, dramatisch und intensiv. Ein Objekt kann flach aussehen – oder dreidimensional. Licht ist der Unterschied zwischen langweilig und ikonisch.
Fotografiere denselben Ort zu verschiedenen Zeiten. So verstehst du, wie sich Tageslicht verändert.
| Tageszeit | Lichtqualität | Wirkung |
|---|---|---|
| Morgen | warm, weich | sanft, atmosphärisch |
| Mittag | stark, hart | flach, unruhig |
| Abend | goldene Stunde | warm, emotional |
| Bewölkt | diffus | perfekt für Portraits |
Diese Studie ist die ehrlichste Lehrerin der Fotografie.
Du wirst sehen, wie ein Motiv im Morgenlicht fast magisch wirkt, mittags komplett verliert und abends wieder aufblüht. Besonders Landschaften profitieren stark von wechselndem Licht – aber auch urbane Motive oder Portraits zeigen deutliche Unterschiede.
Wenn du merkst, dass gutes Licht den Unterschied macht – aber noch nicht sicher bist, wie du es zuverlässig erkennst, nutzt oder planen kannst, dann ist mein Kurs „Fotografisches Sehen“ genau dafür gemacht.
Viele unterschätzen „schlechtes“ Wetter.
Doch fotografisch gesehen ist schlechtes Wetter oft ein Jackpot.
Wenn Bilder enttäuschen, liegt es in den meisten Fällen am Licht:
In 80 % der Fälle ist das Licht der Grund.
Kurz, klar und sofort nutzbar:
Wenn du tiefer einsteigen willst:
Morgens und abends. Weiches Licht sorgt für saubere Hauttöne und sanfte Schatten.
Nicht besser – nur kontrollierbarer. Tageslicht ist wunderschön, aber variabel. Blitzlicht ist konstant und präzise.
Die Wolken wirken wie ein gigantischer Softbox-Diffusor:
weich, gleichmäßig, schmeichelnd.
Wenn Schatten unkontrolliert sind, Haut glänzt, oder das Motiv flach wirkt, ist das Licht selten optimal.
Bedacht ja: durch Position, Schatten nutzen, Reflektoren, Blitz, diffusen Schatten. Aber der Grundsatz bleibt: gutes Ausgangslicht ist unschlagbar.
Licht ist nicht nur eine Zutat der Fotografie – es ist der Kern. Wenn du Licht verstehst, wahrnimmst und bewusst einsetzt, verändern sich deine Bilder grundlegend.
Du fotografierst nicht Motive. Du fotografierst Licht.
Und genau dort beginnt großartige Fotografie.
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